Editorial
Die 62 Beschäftigungspakte blicken auf eine fast zweijährige Umsetzungszeit zurück. Die Projekte der Beschäftigungspakte werden während der Programmlaufzeit von einer bundesweiten Evaluation begleitet. Ziel der Evaluation ist es, Ansätze, Vorgehensweisen, Aktivierungs- und Vermittlungsstrategien zu identifizieren, die einen nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit älterer Langzeitarbeitsloser leisten. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit die Zusammensetzung, Einbindung und das Zusammenwirken regionaler arbeitsmarktpolitischer Akteure Einfluss auf die Umsetzung der Beschäftigungspakte genommen haben. Die Ergebnisse der Evaluation geben wertvolle Anregungen und Empfehlungen für die weitere Arbeit in den regionalen Projekten. Zum jetzigen Zeitpunkt schauen die Beschäftigungspakte auf eine erfolgreiche Bilanz ihrer Arbeit. Rund 73.800 ältere Langzeitarbeitslose wurden aktiviert, von denen 17.646 in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert wurden. (Stand Juli 2007) Um diese Erfolge und die Arbeit der Beschäftigungspakte zu verstetigen, ist die Fortführung des Bundesprogramms Perspektive 50plus um weitere drei Jahre vorgesehen. Die zehnte Ausgabe des Newsletters gibt einen ersten Überblick zu den Zwischenergebnissen der Bundesevaluation.
Dr. Reiner Aster, gsub – Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung mbH
Bundesweite Evaluation zum Programm Perspektive 50plus
Alle 62 Beschäftigungspakte sind in die bundesweite Evaluation einbezogen. Eine vertiefende Evaluation erfolgt in 20 ausgewählten Fallstudienregionen durch Interviews sowohl auf der Akteurs- als auch Teilnehmerebene; gegenwärtig finden in fünf der 20 Fallstudienregionen Gruppendiskussionen mit Teilnehmer/-innen und Expertengespräche mit betrieblichen Personalverantwortlichen statt. Die Evaluation wird durch das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen durchgeführt.
Teilnehmerstruktur und Merkmale der erfolgreichen Integrationen
Zielgruppe des Bundesprogramms Perspektive 50plus sind ältere Langzeitarbeitslose über 50 Jahre. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer/-innen in den 62 Beschäftigungspakten liegt bei knapp 54 Jahren, nur etwa fünf Prozent der Teilnehmer/-innen sind 59 Jahre und älter. Davon sind 41 Prozent Frauen und 59 Prozent Männer.
Zum Stichtag der Datenerhebung (31.08.2006) konnten rund elf Prozent der Teilnehmer/-innen erfolgreich in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Die Wiedereingliederung ging in 60 Prozent der Fälle mit einem Wechsel des Tätigkeitsbereichs einher – möglicherweise ein Indiz für die hohe Flexibilität der Teilnehmenden. Rund 60 Prozent der Integrierten konnte auf eine Stelle vermittelt werden, die dem Niveau der letzten Tätigkeit entsprach, ein Fünftel konnte sogar auf Stellen mit einem höheren Niveau vermittelt werden.
Die konzentrierte Ausrichtung der Vermittlungsbemühungen in einigen Beschäftigungspakten auf vermeintliche „Chancenbranchen“ war indes nicht zielführend. Deutlich erfolgreicher bei der Vermittlung von älteren Langzeitarbeitslosen waren solche Beschäftigungspakte, die auf einen breiten Branchen-Mix und die Konzentration auf klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) setzten.
Förderangebote für Teilnehmer/-innen
Insbesondere das Vorliegen multipler Vermittlungshemmnisse führte in der Summe dazu, dass nur etwa ein Fünftel der Angehörigen der Zielgruppe direkt vermittelbar waren. Viele mussten mit Hilfe ganzheitlicher Aktivierungsmaßnahmen erst wieder aufgebaut und „fit“ für die Bedarfe des Arbeitsmarktes gemacht werden. Dabei nahmen flankierende Förderangebote vor allem aus dem Bereich der Gesundheitsfürsorge eine besondere Rolle ein. Eine weitere wichtige Voraussetzung waren geringe Betreuungsschlüssel von beispielsweise 20 Teilnehmer/-innen auf eine Fachkraft.
Bei Eintritt in das Programm lag bei fast 70 Prozent der Teilnehmer/-innen die letzte Tätigkeit zwei Jahre und länger zurück, bei 34 Prozent sogar länger als vier Jahre. Als Erfolg versprechende Aktivierungsmaßnahmen haben sich diesbezüglich Angebote erwiesen, die auf die Stabilisierung und Hebung der Beschäftigungsfähigkeit der Teilnehmenden in Abstufung der individuellen Arbeitsmarktferne fokussierten. Dabei stachen mehrstufige, kontinuierliche Aktivierungsansätze hervor, die u.a. Elemente der Gesundheitsfürsorge und –beratung enthielten. Förderlich waren ebenso eine Aufspaltung in Einzel- und Gruppenphasen innerhalb der Maßnahme sowie die Implementierung von Empowerment-Ansätzen, um die Selbsthilfekompetenzen der Teilnehmenden zu stärken und eine beschäftigungsorientierte und sozial stabilisierende Netzwerkbildung unter den Teilnehmenden zu fördern. Beispiele finden sich etwa in den Initiativzentren („Arbeitsfabrik“) im Beschäftigungspakt Westmittelfranken (Verbundregion Ansbach), in den Vermittlungszentren der Region Trier sowie als Teilprojekt Job-Shop ü50 im Beschäftigungspakt Flensburg.
Zu den am weitesten verbreiteten Vermittlungshemmnissen in den Regionen zählte eine eingeschränkte räumliche Mobilität. Diese war vor allem dadurch gekennzeichnet, dass entweder kein Führerschein (mehr) vorlag oder auf Grund der Hilfebedürftigkeit kein Kraftfahrzeug zur Verfügung stand. In vielen Fällen bestanden jedoch auch mentale Mobilitätsbarrieren z.B. fehlende Kenntnisse über öffentliche oder alternative Mobilitätsangebote. Zur Behebung von Mobilitätshemmnissen entwickelten einzelne Pakte sehr kreative Maßnahmen. Die Maßnahme TRANSIT im Ennepe-Ruhr-Kreis etwa enthält als mobilitätsfördernde Maßnahme Qualifizierungsmodule an wechselnden Orten und darüber hinaus auch Angebote der Gesundheitsberatung.
Auf Bundesebene haben 25 Prozent der Teilnehmer/-innen einen Migrationshintergrund, in einigen Pakten liegt der Anteil bei etwa 50 Prozent. Zur Beseitigung sprachlicher Defizite hatten sich insbesondere praxis- und arbeitsplatzorientierte, spezifische Sprachkurse und -trainings als Erfolg versprechend erwiesen, wie sie z.B. im Ortenaukreis sowie in der Region Kassel angeboten wurden. Im Landkreis Offenbach wurden u.a. Fallmanager mit Migrationshintergrund aus der Zielgruppe eingestellt.
Überraschend hoch war das Ausmaß gesundheitlicher Einschränkungen unter den zugewiesenen Teilnehmer/-innen. Bei insgesamt über 35 Prozent der Personen lagen beschäftigungsrelevante gesundheitliche Probleme vor, elf Prozent der Teilnehmer/-innen kamen mit schweren gesundheitlichen Einschränkungen in den Beschäftigungspakt. Daher entwickelten einige Pakte spezielle Beratungs- und Betreuungsangebote im Bereich Gesundheit, um die Teilnehmer/-innen bei der Gestaltung einer gesünderen Lebensführung zu unterstützen und auf diese Weise sowohl deutliche Verbesserungen der individuellen Lebensqualität herzustellen, als auch die Beschäftigungsfähigkeit zu steigern bzw. zu erhalten. Beispiele für Beschäftigungspakte, die entsprechende Angebote für ältere Arbeitslose aber auch ältere Beschäftigte anbieten, sind die Projekte im Ennepe-Ruhr-Kreis, in Wilhelmshaven und Bremen.
Unternehmensansprache und Förderangebote für Arbeitgeber
Neue Wege der Unternehmensansprache und Sensibilisierung für das Thema „Integration und Beschäftigung älterer Arbeitnehmer/-innen“ waren sowohl Schwerpunkt des Bundesprogramms Perspektive 50plus als auch der Bundesevaluation. Mit Hilfe des Bundesprogramms wurden daher nicht nur die Kundengruppe der älteren Arbeitslosen im SGB II, sondern auch die Kundengruppe „Arbeitgeber“ (insbesondere KMU) in besonderer Weise aktiviert. Als durchgängig erfolgsentscheidend erweist sich in den Fallstudien der Aufbau persönlicher und kontinuierlicher Kontakte durch feste Ansprechpartner zu möglichst vielen Arbeitgebern. Unternehmensbefragungen zu Personalbedarfen und Beschäftigungspotenzialen sind wichtige, ergänzende Elemente einer breit angelegten Unternehmensansprache und Grundlage für passgenaue Vermittlungen sowie bedarfsorientierte Qualifizierungsmaßnahmen. Als Förderangebote der Beschäftigungspakte für Unternehmen wurden von den Unternehmen selbst die schnelle und passgenaue Personalauswahl, finanzielle Fördermittel (z.B. Lohnkostenzuschüsse als Festbeträge), die Möglichkeit der arbeitsplatzbezogenen Nachqualifizierung und Nachbetreuung von Arbeitnehmern sowie die dienstleistungsorientierte, unbürokratische und flexible Herangehensweise der Akteure im Rahmen des Bundesprogramms besonders geschätzt. In einigen Pakten konnten Unternehmen als Multiplikatoren gewonnen werden (z.B. Verbund Coburg).
Als grundlegend wichtige Herangehensweise im Vermittlungsgeschäft haben sich optimierte Vermittlungsansätze erwiesen, die den unfruchtbaren Dualismus von bewerber- und stellenorientierter Vermittlung aufheben. Diese enthalten Qualifizierungs- (optional), Profiling- und Coachingelemente und passgenaue Personalauswahlprozesse (Matching). Auch in diesem Bereich spielen geringe Betreuungsschlüssel eine große Rolle, damit Vermittlungsfachkräfte sowohl Bewerber/-innen als auch Betriebe und ihre Stellenangebote intensiv kennen lernen können. Gerade in KMU besteht dann die Möglichkeit, durch Gespräch mit dem Arbeitgeber individuelle arbeitsorganisatorische Lösungen und Anforderungsprofile zu entwickeln.
Übertragbarkeit und Mehrwert des Bundesprogramms
Prinzipiell sind fast alle Paktkonzepte sowohl auf andere Zielgruppen als auch auf andere Regionen übertragbar. Deutlich wurde jedoch, dass die Übertragbarkeit und der Erfolg eines Konzepts zu einem großen Teil von den beteiligten Personen, deren Engagement und deren persönlichen Kontakten abhängig ist.
Regionale Netzwerke scheinen für die Umsetzung innovativer Arbeitsmarktprogramme wie Perspektive 50plus förderlich. In diesen Netzwerken sind häufig – neben den „klassischen“ Arbeitsmarktdienstleistern – die Kammern und Verbände, die Wirtschaftsförderung sowie lokalpolitische Akteure miteingebunden. Auf der Umsetzungsebene stachen Paktverbünde von Grundsicherungsträgern besonders hervor. Diese waren durchweg positive Beispiele für die Erweiterung des engen räumlichen Zuschnitts kommunaler Arbeitsmärkte. In der zweiten Förderphase ab 2008 wird die Umsetzung der Beschäftigungspakte als Verbund Kernbestandteil des Programms sein.
Die Grundsicherungsträger haben sich im Rahmen des Bundesprogramms in der Region als arbeitsmarktpolitische Akteure bei den regionalen Trägern und Arbeitgebern etabliert und sich damit in der Region institutionell bekannt(er) gemacht. Die Pakte nutzten die Freiheiten von Perspektive 50plus als Lern- und Experimentierfeld. Für die anstehende zweite Förderphase gilt es nun, die erprobten erfolgreichen Ansätze zu verstetigen und deren räumliche Wirkung regional auszuweiten.
Veranstaltungen
Fachkonferenz "Vom Wert der Jahre" des Beschäftigungspaktes in Bremen am 20. September 2007 in Bremen
Ältere Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist eine Herausforderung, die sich der Bremer Beschäftigungspakt seit zwei Jahren zur Aufgabe gemacht hat. Die Veranstaltung zieht eine Zwischenbilanz der bisherigen Aktivitäten und gibt einen Ausblick. www.chance-50-plus.de
Summer School „Gesellschaftlicher Wandel und Zukunft des Alterns“ vom 8. bis 12. Oktober 2007 in Bochum
Im Mittelpunkt steht der wissenschaftliche Austausch zu den Themen Arbeit und Bildung im Alter, Wohnen und Stadtentwicklung in alternden Gesellschaften sowie Prävention und Gesundheitsförderung. www.rub.de/zuba
Forschungskolloquium zur Nachhaltigkeit von Evaluation in arbeitsmarktpolitischen Projekten am 30. Oktober 2007 in Rheinbach
Im Rahmen des Forschungskolloquiums wird an Hand der Programme EQUAL und des Bundesprogramms Perspektive 50plus die Bedeutung von Abschlussberichten und die Chancen der Evaluation zur Förderung der Nachhaltigkeit von arbeitsmarktpolitischen Programmen. www.wir.fh-bonn-rhein-sieg.de
Impressum
Diese 10. Ausgabe des Newsletters geht an 1835 Abonennten.
Über Anregungen jeder Art freuen wir uns. Sollten Sie Fragen haben, zögern Sie nicht und nehmen Sie Kontakt mit uns auf.
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Nicole Schneider – Koordination Öffentlichkeitsarbeit
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